top of page

Berufung finden, wenn Du zu viele Ideen hast: Warum es nicht um das Was geht, sondern um die Anbindung

  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit
Multipotentialität · zu viele Ideen Berufung · Berufung Aufstellung · meinen Weg finden · Ursprung und Berufung · Tiefwurzler Breitwurzler · systemische Strukturaufstellung

Es gibt Menschen, die mit zwölf wissen, was sie werden wollen, und es vierzig Jahre später noch tun. Wenn Du diesen Artikel liest, gehörst Du wahrscheinlich nicht dazu. Vielleicht hast Du drei abgeschlossene Ausbildungen, eine begonnene und gefühlt sieben Themen, die Dich gleichzeitig rufen. Vielleicht hast Du angefangen, aufgehört, neu angefangen, und das Gefühl, es endlich »richtig machen« zu müssen, sitzt Dir im Nacken. In diesem Artikel möchte ich Dir eine andere Perspektive auf Berufung anbieten. Eine, die Dich nicht in die nächste Entscheidung drängt, sondern Dich an einen anderen Ort führt. An einen Ort, von dem aus alles, was Du tust, sich richtig anfühlt. Auch wenn Du vieles tust.


Was ist Berufung wirklich?

Die landläufige Erzählung lautet: Es gibt für jeden Menschen genau eine Bestimmung. Die musst Du finden. Wenn Du sie nicht findest, lebst Du an Dir vorbei. Diese Erzählung ist nicht nur unbarmherzig. Sie ist auch nicht wahr.

Wenn wir genau hinschauen, beschreibt das Wort »Berufung« nicht ein Berufsbild, das Du wählst, sondern eine innere Bewegung: etwas, das Dich ruft. Wer ruft? Und wohin? Aus systemischer Sicht ist Berufung weniger eine Karriereentscheidung und mehr eine Form von innerer Verbundenheit, mit Deinem Ursprung, mit Deiner Familie, mit etwas, das größer ist als Deine Biografie. Wenn diese Verbundenheit besteht, fühlt sich Dein Tun stimmig an. Wenn sie fehlt, hilft auch die zehnte Weiterbildung nicht weiter.


Tiefwurzler und Breitwurzler: Warum der Vergleich Dich unglücklich macht

Stell Dir zwei Bäume vor. Die Eiche treibt eine tiefe Pfahlwurzel in die Erde. Sie braucht keinen weiten Stand, sie wächst nach unten. Die Birke macht es anders. Sie spannt ihre Wurzeln flach und breit aus, vernetzt sich mit ihrer Umgebung, bezieht aus vielen Stellen, was sie braucht. Beide stehen sicher. Beide sind Bäume. Aber sie wurzeln völlig verschieden.

So ist es auch mit Menschen. Es gibt Tiefwurzler. Menschen, die früh wissen, was ihres ist, und dort dann jahrzehntelang in die Tiefe gehen. Und es gibt Breitwurzler. Menschen, die in viele Felder hineinwurzeln, die ihre Stabilität nicht aus einem einzigen Schwerpunkt beziehen, sondern aus der Vernetzung vieler Interessen. Beides sind legitime Arten, in der Welt zu stehen. Beide haben ihre Stärken.

Wenn Du multipotentiell bist und Dir immer wieder gesagt wird, Du müsstest Dich endlich entscheiden, dann wird ein Breitwurzler nach den Maßstäben eines Tiefwurzlers beurteilt. Das ist eine Anleitung zum Unglücklichsein. Und sie ist nicht nur ungerecht, sie ist fachlich falsch. Es gibt keinen Grund, warum eine Form richtiger sein sollte als die andere.


Multipotentialität, wenn Du viele Talente hast

Die amerikanische Autorin Emilie Wapnick hat einen Begriff geprägt, der seit einigen Jahren immer mehr Menschen entlastet: »Multipotentialität«. Sie beschreibt damit Menschen, die nicht in eine einzige Berufsidentität passen, sondern viele Interessen, Talente und Felder gleichzeitig haben. Die Welt erwartet Spezialisierung. Und straft, wer sich nicht festlegen mag. Aber es gibt einen Typus Mensch, der genau in der Vielfalt seine Kraft entfaltet. Den Breitwurzler.

Wenn Du multipotentiell bist, ist die Frage »Was ist meine eine Berufung?« nicht nur schwer zu beantworten. Sie ist falsch gestellt. Die richtige Frage lautet nicht: Was ist meine eine Aufgabe? Sondern: Aus welcher Verbundenheit handle ich? Wenn Du diese Frage klärst, brauchst Du Dich nicht zu entscheiden. Und entscheidest doch ständig richtig, weil aus einer tieferen Schicht heraus.


Warum die Frage »Was ist meine Berufung?« oft in die Irre führt

Wer sich diese Frage stellt, sucht meist im Außen: in Berufsbildern, in Branchen, in Berufstests, in Coachingprogrammen. Es entsteht eine Art innerer Marktplatz, auf dem alle Optionen verglichen werden. Das Ergebnis ist fast immer Lähmung. Je mehr Optionen Du gegeneinander hältst, desto unmöglicher wird die Wahl. Denn die richtige Wahl gibt es nicht, wenn Du auf der falschen Ebene suchst.

In meiner Praxis erlebe ich es immer wieder: Frauen, die mit der Frage zu mir kommen »Soll ich A oder B machen?«. In der Aufstellung wird sichtbar, dass weder A noch B die eigentliche Frage ist. Die eigentliche Frage lautet: Was hält Dich gerade davon ab, in Deinen ureigenen Boden zu greifen? Welche alten Vorstellungen blockieren Deine Verbindung zu Dir selbst?


Die systemische Sicht: Berufung als Verbundenheit

In der Aufstellungsarbeit gibt es ein Format, das wir »Ursprung und Berufung« nennen. Dabei stellen wir nicht Berufsoptionen auf. Wir stellen Deine Verbindung zu Deinem Ursprung auf. Das kann etwas sein, das Du »göttlich«, »Quelle« oder »Tieferes« nennst. Es ist die Stelle, von der Du herkommst, die Dich trägt und die Dich speist.


»Es ist egal, was Du tust und mit wem. Wichtig ist, dass Du angebunden bist. Dann wirkt durch Dich, was wirken will, und Du musst nicht mehr ringen, ob es das Richtige ist.«


Wenn diese Anbindung steht, geschieht etwas Merkwürdiges. Die quälende Frage, was Du tun sollst, wird leiser. Du beginnst, eines nach dem anderen zu tun, was vor Dir liegt. Und Du merkst, dass es zusammenhängt, auch wenn es nach außen wie verschiedene Themen aussieht. Das ist nicht Mystik. Es ist eine andere Form von Klarheit.

Die Ursache für ein Gefühl der Unverbundenheit muss dabei nicht immer in der Familienlinie liegen. Manchmal sind es alte Vorstellungen, die Du irgendwann übernommen hast. Manchmal sind es nicht abgeschlossene Lebensphasen. Manchmal sind es Erwartungen aus Deinem heutigen Umfeld, die Dich von Deiner eigentlichen Anbindung trennen. In der systemischen Strukturaufstellung erkunden wir genau diese Ursache, was auch immer sie ist, und verändern sie durch gezielte Interventionen so, dass die Verbindung zu Deiner Berufung wieder frei fließen kann. Am Ende des Prozesses geht es nicht um eine fertige Antwort. Es geht darum, dass Du verstehst, worum es bei Dir im Wesentlichen geht.


Maria Geschichte: Drei Ausbildungen und ein leiser Ruf

Maria (Name geändert, 47 Jahre) kam zu mir mit einem Satz, den ich aus meiner Praxis gut kenne: »Ich kann mich nicht entscheiden.« Sie war Diplompädagogin, hatte eine Ausbildung als Yogalehrerin absolviert, vor zwei Jahren eine Ausbildung zur Heilpraktikerin begonnen. Sie hatte mehrere Webseitenentwürfe in der Schublade. Drei verschiedene Logos. Eine Buchidee, halb fertig.


Was sich in der Aufstellung zeigte

Wir haben kein einziges der Themen aufgestellt, die sie auf ihrer Liste hatte. Stattdessen stellten wir auf: Maria, ihren Ursprung, und das, was sie ihre »Berufung« nannte. Sichtbar wurde sehr schnell: Linnéa stand mit dem Rücken zu ihrem Ursprung. Sie suchte vor sich, in Konzepten, Methoden, Berufsbildern. Aber die Quelle, aus der sie eigentlich speist, lag hinter ihr und wurde nicht gesehen.

In Maria Aufstellung tauchte etwas auf, das sie selbst überraschte: ihre Urgroßmutter, die als Hebamme im ländlichen Schweden gearbeitet hatte. Eine Frau, die »ein bisschen alles« war: Geburtshelferin, Heilerin, Beraterin, manchmal auch Streitschlichterin. Eine, die nicht in eine Schublade passte. Maria spürte: Sie trägt das gleiche Muster. Und es ist kein Defekt, sondern eine Linie.

Bei einer anderen Klientin hätte sich an dieser Stelle etwas ganz anderes zeigen können. Bei wieder einer anderen wäre nicht die Familienlinie das Thema gewesen, sondern eine alte Glaubensvorstellung oder ein gesellschaftliches Bild, das nie hinterfragt wurde. Aufstellungsarbeit gibt keine vorgefertigten Antworten. Sie macht sichtbar, was bei genau diesem Menschen gerade wirkt.


Was sich danach verändert hat

Maria schrieb mir drei Monate nach der Aufstellung: »Ich habe nichts entschieden. Und gleichzeitig habe ich plötzlich Klarheit.« Sie hat ihre Heilpraktikerausbildung abgeschlossen, aber nicht als »neue Identität«. Sondern als ein weiteres Werkzeug. Sie nennt sich heute nicht Heilpraktikerin, nicht Pädagogin, nicht Yogalehrerin. Sie nennt sich einfach beim Namen. Und sie arbeitet mit Frauen in Lebensübergängen, manchmal mit Körperarbeit, manchmal mit Gesprächen, manchmal mit Yoga. Es passt zusammen. Sie ringt nicht mehr.


Häufige Fragen zum Thema Berufung

Bin ich multipotentiell oder einfach unentschlossen?

Diese Frage stellen sich viele, und meistens steckt darunter ein leiser Vorwurf an sich selbst. Multipotentialität zeigt sich daran, dass Du in mehreren Feldern echte Tiefe entwickelst, schnell lernst und Verbindungen zwischen sehr verschiedenen Themen siehst. Unentschlossenheit fühlt sich von innen anders an: meist lähmend, eher angstgetrieben. In der Aufstellung wird der Unterschied oft sehr klar, und es ist ein anderes Arbeiten, je nachdem welches der beiden im Vordergrund steht.


Wie unterscheidet sich Aufstellungsarbeit von klassischem Berufscoaching?

Klassisches Coaching arbeitet meist mit Methoden wie Werteanalyse, Stärkentests, Visioning. Das kann sehr hilfreich sein, bewegt sich aber auf der Ebene des Verstandes und der bewussten Identität. Aufstellungsarbeit geht eine Schicht tiefer: zu dem, was Du unbewusst in Deinem System mitträgst. Das können familiäre Loyalitäten sein. Es können aber auch ganz andere Strukturen sein. In der systemischen Strukturaufstellung erkunden wir, was bei Dir gerade die Verbindung blockiert. Beides ergänzt sich gut. Wenn die tiefere Schicht geklärt ist, wirken Coachingtools oft erst richtig.


Was ist mit »Berufung als Heilung«? Funktioniert das?

Manche Menschen erleben, dass ihre Berufung tatsächlich heilsam ist, für sie selbst und für andere. Das ist schön. Aber Berufung ist nicht in erster Linie Heilung, und sie ist auch nicht in erster Linie Beruf. Sie ist eine Form von innerem Aufgehobensein. Daraus kann Beruf werden. Daraus kann auch ein Ehrenamt werden. Oder eine Form, Mutter zu sein. Oder etwas, wofür unsere Gesellschaft noch kein Wort hat.


Brauche ich überhaupt eine Berufung?

Ehrlich: Nein. Du brauchst keine Berufung, um ein gutes Leben zu führen. Was Du brauchst, ist das Gefühl, dass Du an Dich angeschlossen bist. Dass das, was Du tust, von etwas getragen ist und nicht nur funktioniert. Manche Menschen nennen das Berufung. Andere nennen es Sinn. Andere brauchen kein Wort dafür. Wichtig ist nicht der Begriff. Wichtig ist die Verbindung.


Wichtig zu wissen

Aufstellungsarbeit ersetzt keine Psychotherapie oder berufliche Laufbahnberatung. Sie ist eine eigenständige Form der seelischen und systemischen Begleitung. Wenn Du Dich in einer akuten Lebenskrise befindest, suche bitte zuerst professionelle therapeutische oder ärztliche Unterstützung. Eine Aufstellung passt am besten in Phasen, in denen Du eine grundsätzliche Klärung suchst, nicht in akute Notlagen.


Wenn Du Deine eigene Anbindung spüren möchtest

Wenn Du beim Lesen etwas wiedererkannt hast, dieses Gefühl, dass die ständige Suche nach der »einen Bestimmung« eigentlich am falschen Ende ansetzt, dann lass uns sprechen. In meinem kostenfreien Erstgespräch von 20 Minuten schauen wir, ob eine Aufstellung im Format »Ursprung und Berufung« für Dich der richtige nächste Schritt ist.





Alle Liebe,


Marlene


 
 
 

Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.

Newsletter

Aktuelle Blog-Beiträge & Termine

Danke für die Anmeldung zum Newsletter!

Hell_Logo_Marlene_Graßl_online_Aufstellungen

SYSTEMISCHE AUFSTELLUNG

Begreifen. Bewegen. Ankommen.

  • Whatsapp
  • Telegramm

© 2025 Marlene Graßl | Systemische Aufstellung

bottom of page